(Anmerkung zum Text: diese Kolumne erschien in der Zeitschrift fotoPRO Nr. 1/2018. Sie ist der Beginn einer Serie über den Einstieg in die Berufsfotografie).

Frisch von der Uni – Ausbildung beendet – gerade selbständig gemacht?! Voller Elan und bereit für das Abenteuer „Professionelle Fotografie“? Ein toller Moment – aber man fühlt sich auch noch ziemlich „draußen vor der Tür“. Und wie kriegt man nun den Fuß in dieselbe?

Es ist ein Teufelskreis: Kunden buchen Fotografen, wenn sie annehmen, dass sie den Job gut machen werden. Dafür brauchen sie Vertrauen – und Belege.

Damit sieht’s beim Newcomer schlecht aus. Wo soll ein professionelles Portfolio herkommen, wenn man noch nicht professionell gearbeitet hat? Und die Projekte aus Ausbildung oder Studium sind zwar superb ausgearbeitet, passen aber überhaupt nicht auf die Zielgruppe. Der Teufelskreis: kein Portfolio ohne Jobs – keine Jobs ohne Portfolio.

Den Teufelskreis durchbrechen

Zu einem erfolgreichen Markteintritt gehören zwei Dinge. Erstens: zu wissen, welchen Markt man eigentlich angehen möchte. Und zweitens: Fotos, die potenziellen Kunden eine Idee geben, wie dieser Fotograf arbeitet. Und da wären wir wieder beim Portfolio!

Man kann den langen und steinigen Weg gehen. Man kann aber auch die Abkürzung nehmen und den Turbo einschalten.

Machen wir es konkret: Du bist Jungfotograf/in, hast gerade Deine Ausbildung beendet und weißt, dass Du ein Händchen für Portraits hast. Du siehst deine mögliche Zukunft in der Business-Fotografie. Du träumst von gut dotierten Jobs, bei denen du Geschäftsführer und Vorstände fotografierst und starkes Image-Material produzierst.

Soweit so gut. Ein sinnvoller Plan. Unglücklicherweise hast Du kein glaubwürdiges Portfolio. Was tun?

Der lange und steinige Weg wäre: Du fragst Leute aus deinem persönlichen Netzwerk, ob sie irgendwen kennen, der irgendwo Manager ist und ob er sich kostenlos fotografieren lassen würde. Auf diese Weise kommen sicherlich ein paar Kontakte und Portraits zustande. Das dauert – und du bist in der Rolle des Bittstellers.

Die andere Möglichkeit: Du – der Fotograf, die Fotografin! – kreierst ein fotografisches Projekt. Und Du gestaltest es so, dass Du nicht die dritte Wahl vor Deine Linse bekommst, sondern die erste Garnitur.

Das Projekt könnte wie folgt formuliert sein: Du produzierst ein Projekt mit dem Titel: „Die innovativsten Unternehmer unserer Stadt“. Das Ziel ist ein gedrucktes Buch oder eine Ausstellung – oder auch nur ein Internet-Blog. Du schreibst ein Projektpaper, in dem Du eine Intention erläuterst. Vielleicht findest Du auch einen Partner, der die Bilder ausstellen will oder die Publikation unterstützt (IHK? Wirtschaftsförderung? Arbeitgeberverbend? – Es gibt viele Möglichkeiten). Und dann gehst Du selbstbewusst auf die größten Firmen zu und lädst sie zur Teilnahme ein. Jetzt bist Du derjenige, der etwas erschafft und entscheidet, wer an Deinem Projekt teilnehmen darf! Versetz Dich in die Rolle Deiner Gegenüber: würdest Du „Nein“ sagen, wenn Dich jemand als „innovativster Nachwuchs-Fotograf“ ausgewählt hätte und darüber eine Publikation machen will? Genau so funktioniert das – biete Deiner Zielgruppe etwas Attraktives an, dann wollen sie auch dabei sein.

Ein Buch kostet einen Haufen Geld? Eine Ausstellung ist nicht finanzierbar? Sehe ich nicht so. Man kann Bücher und Bilder – auch in begrenzter Auflage – heute so preiswert drucken lassen, dass da einiges möglich ist. Entscheidend ist es, einen Anreiz zu bieten und etwas anzubieten, statt um etwas zu bitten.

Unsere Portfolio-Mappe, leinengebunden, DIN-A3 groß, mit individueller Prägung auf dem Titel. Vielen Dank an Bruno Bösterling für die handwerklich gekonnte Entwicklung und Umsetzung.

Das Grundprinzip dieser Idee funktioniert in praktisch allen Sujets und fotografischen Märkten: von Babyfotos bis Industrie: Du kannst immer einen Weg finden, die Teilnahme an einem selbstkreierten Foto-Projekt so attraktiv darzustellen, dass die Leute sich geehrt fühlen. Und was ganz sicher dabei auch passieren wird: die Leute werden auf den Geschmack kommen, und der eine oder andere Deiner frischgewonnenen Kontakte wird Dich buchen oder die schon fotografierten Bilder lizensieren.

Denn dann hast ja schon unter Beweis gestellt, dass Du es kannst! Und so wird aus einem Portfolio-Projekt ohne Umweg eine Akquise-Nummer und sogar eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.