Mein 17. Jahr in der professionellen Fotografie

Hallo, liebe Leser und FotoEnthusiasten,

herzlich Willkommen zu meinem traditionellen Jahresrückblick, den ich ja (fast) immer um diese Zeit veröffentliche, wenn sich mein Einstieg in das professionelle Fotografieren – diesmal schon zum 17. Mal! – jährt. Kaum zu glauben…

Die meisten Jahresrückblicke habe ich (aus naheliegenden Gründen) im dforum.net (einem Canon-Forum) veröffentlicht. 2019 und 2020 gab es eine Pause – warum weiß ich eigentlich nicht mehr. 2019 war es evtl. Zeitstress und 2020 war es vermutlich Corona. Heute soll es aber keine Ausrede mehr geben, und ich möchte diese schöne Tradition wieder aufnehmen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil so ein Rückblick immer etwas ist, was einem das Jahr noch einmal bewusst werden lässt, Erkentnisse und Erfahrungen reflektiert und damit auch Material bietet, sich frischer und bewusster dem neuen Jahr zu stellen, seine Ziele klarer zu formulieren und seine Absichten letztlich auch in Taten umzumünzen.

Wer sich für die Jahresrückblicke der vergangenen Jahre interessiert, kann den von 2018 gerne hier nachlesen (dort sind dann auch alle früheren Beiträge verlinkt).

–> Dforum-Link

Corona

2021 war natürlich sehr von der Corona-Pandemie geprägt. Geschäftlich wirkte sich das in unserem Feld der Industrie-, Wissenschafts- und Medizinfotografie sehr heterogen aus. Zeitweilig gab es absoluten Stillstand, zeitweilig war die Auftragslage aber auch recht munter, im Herbst 2020 gab es sogar mal eine kurze Phase, wo es langsam anfing, stressig zu wirken. Auch unsere (Unternehmens-)kunden verhielten sich sehr unterschiedlich: Manche ließen überhaupt keine Menschen außer ihrer eigenen Mitarbeiter in ihre Betriebe, andere agierten wesentlich lockerer. Manchmal herrschte strenge Masken- + Testpflicht, in anderen Betrieben schien es hingegen so, als wenn Corona gar nicht existieren würde. Trotzdem: unter den herrschenden Bedingungen war es nicht immer einfach, genügend Aufträge zu generieren; nichtsdestotrotz kamen auch im 2. Pandemie-Jahr erstaunlich viele Neukunden zu uns, die mich und meine Geschäftspartnerin Silvia Steinbach über das Internet gefunden hatten und mit zum Teil sehr attraktiven Auftragsproduktionen betreut haben. Schaue ich mir die Zahlen an, dann war 2021 etwas schwächer als 2020 (aber noch im Rahmen), aber bei weitem nicht so gut wie 2019.

Fast gravierender fand ich die Auswirkungen auf das „normale“ Leben: Mit Freunden und Kollegen traf man sich zeitweise zum gemeinsamen Spaziergang am Rhein (und nicht im Restaurant) – oder womöglich sogar in einem gemeinsamen Zoom-Meeting auf dem jeweiligen heimischen Sofa. Mit einigen Kolleg:innen habe ich eine „Kneipe“ auf Telegram eröffnet, wo wir uns öfters spät in der Nacht auf einen virtuellen oder realen Umtrunk getroffen haben. Auf facebook organisierte ich eine „Post-Corona-Survival-Gruppe“ für professionelle Fotografen, die ich irgendwann mal optimistisch auf 90 Tage angelegt habe und die nun in das zweite Jahr geht. Dazwischen dann immer wieder die Erholungsphasen: wenn Restaurants und Cafés wieder geöffnet hatten, habe ich das als Luxus und Aufbruchssymbol gesehen und gerne – vorzugsweise im Freien – genutzt. Nun steuern wir in eine neue Welle – und man spricht sogar schon von der Nachfolgewelle dieser Welle – und so langsam frage ich mich, ob es so etwas wie das vielbeschworene „normale Leben“ überhaupt jemals wieder geben wird. Eine Kollegin sprach heute von 3–5 Jahren, die wir noch brauchen werden. Diese Aussicht macht mich jetzt nicht gerade glücklich.

Auf der anderen Seite: Corona hat auch manch witzige Idee, spannende Projekte, denkwürdige Begegnungen und neue Kommunikationsformen hervorgebracht. Um ein Beispiel zu nennen: Im Fotografenverband FREELENS bin ich in der Regionalgruppenleitung Rheinland und im Vorstand aktiv. In früheren „normalen“ Zeiten hatten wir auf unseren Regionalgruppentreffen manchmal nur 10 Teilnehmer. Oder maximal 30-40, wenn wir einen guten Referenten organisieren konnten. 2020 fanden solche Treffen und auch die Vorträge alle online statt und standen allen Mitgliedern bundesweit offen. Die Folge: wir erreichten in der Spitze über 200 Kollegen und Kolleginnen, ein bisher nie dagewesenes Phänomen!

Aber auch hier gibt es natürlich eine Kehrseite: Zeitweilig machte Corona und die damit verbundenen Umstände einfach auch müde. Ich hatte immer mal wieder auch schlicht die „Schnauze voll“, und es fiel mir mitunter schwer, mich zu motivieren, neue Projekte anzugehen und Marketing zu machen. Obwohl ich eher optimistischer Natur bin, hatte ich trotzdem öfter das Gefühl: Wozu das alles jetzt? Macht es überhaupt Sinn, jetzt etwas Neues anzufangen? Auch das eine gelernte Lektion: Ja, es macht immer Sinn, aber manchmal fiel es doch schwer.

Fotografisch-Technisches

Schaue ich auf das Jahr zurück, hat sich in meinem Kamerakoffer nicht viel verändert. Nach wie vor fotografiere ich alle meine beruflichen Projekte mit meinen beiden Fujfilm XT-2 und XT-3, und auch bei den Objektiven ist nichts Neues hinzugekommen. Es sind die bewährten Weitwinkel-, Standard- und Telezooms, ergänzt um einige Festbrennweiten von 18 bis 56 Millimetern – das alles am Fujifilm APS-C-Format im X-System.

Zum Jahresende 2020 kam aber dennoch eine neue Kamera dazu: die Fujifilm X-Pro3. Dieser Kauf war nicht beruflich motiviert, es war eher eine Herzenssache. Eine Kamera zum Reisen (ha!), zum Immer-dabeihaben, zum Freie-Projekte-Fotografieren. Meine vieldiskutierte Liebeserklärung zu diesem Schmuckstück ist auf -> kwerfeldein erschienen.

Auch beim Licht gab es eher Evolution als Revolution. Nach wie vor ist mein Lichtkoffer von der Marke Godox dominiert. Ich fotografiere mit etlichen V1 und AD200 – Geräten. Ein paar Neurungen gab es aber doch: der sehr handliche und smart gebaute AD100 kam noch hinzu. Und als wir bei einem Shooting bei einer Baumaschinen-Firma feststellten, dass unsere beiden „großen“ Blitze (AD 600) bei Outdoor-Shootings schnell an ihre Grenzen kommen, haben wir noch in ein paar AD300 investiert, die man flexibel kombinieren kann und die ebenfalls ganz schön Power bieten, draußen wie drinnen.

Ja, es gibt bei Fujifilm neuere und leistungsstärkere Kameras, aber ich habe bisher keinen Impuls gehabt, zum Beispiel in eine XT-4 zu investieren. Worauf ich kameratechnisch wirklich warte, ist der Einzug eines „Global Shutters“ bzw. von Sensoren, die einem Global Shutter einigermaßen nahekommen. Das würde bedeuten: Blitzsynchronisierungen auch mit dem elektronischen Verschluss, minimierte Fehlfarben-Effekte bei gepulstem Licht und keine Verzerrungen mehr bei sehr schnellen Bewegungen vor der Kamera, wenn man den elektronischen Verschluss nutzt. Da Fujifilm seine Sensoren ja bei Sony bezieht und Sony Chips mit den oben beschriebenen Eigenschaften in seinen Spitzenmodellen bereits einsetzt, hoffe ich, dass auch „mein“ Kamerahersteller in nicht allzu ferner Zukunft von dieser Technologie profitieren wird. Das interessiert mich viel mehr als ein paar Megapixel mehr Auflösung oder noch ausgefeiltere Augen-Autofokusse (Autofoki?) in den bereits bestehenden Systemen. Unsere Kameras sind seit Jahren schon besser als sie sein müssten, aber ein „Global Shutter“ würde in manchen Situationen tatsächlich neue fotografische Möglichkeiten eröffnen.

Videografie

Als Student (der Film- und Fernsehwissenschaften) hätte ich mir ein Bein ausgerissen für die Möglichkeiten, die heutige Kameras an Videomöglichkeiten bieten. Jetzt stehen mir diese Fähigkeiten offen, aber so richtig Feuer gefangen habe ich mit dem Bewegtbild immer noch nicht. Mir ist sehr wohl bewusst, welche ungeheuren emotionalen Wirkungen man mit Video erzielen kann, dennoch habe ich mich lange nicht darauf eingelassen.

2021 hat sich diesbezüglich aber etwas getan, denn ich hatte zwei Produktionen, bei denen ich fast ausschließlich Bewegtbild produziert habe. Und das hat mir sogar Spaß gemacht! Angenehm in dem Kontext war allerdings, dass es ein vergleichsweise niederschwelliger Einstieg war: Ich produzierte ohne Ton – und der Auftraggeber war eine Agentur, die das Rohmaterial dann komplett selbst weiter verarbeitet und zu einem Filmclip zusammengesetzt hat. Bildbearbeitung macht mir schon bei Fotografien nicht besonders viel Spaß – um so weniger interessant finde ich das Montieren und Sichten aufgenommener Filmclips: wieder und wieder die gleichen Szenen sehen, den Schnitt festzulegen, zu ändern, neu zu zu machen, kleine Korrekturen vorzunehmen – und das Ganze dann wieder von vorne… Das finde ich eigentlich ziemlich gräßlich. Hinterher kann man sein eigenes Zug nicht mehr sehen. Aber gut, bei diesen Projekten war es nicht so, und ich hatte herausfordernde aber auch schöne Tage „auf Dreh“. Und weil ich dann auch irgendwie Perfektionist bin und mehr bieten will, habe ich mich dazu entschlossen, mir für meine Fujis einen Gimbal zu kaufen. Und eine zusätzliche Kamera habe ich mir dann doch noch geleistet: die geniale, kleine, handliche und schnuckelige DJI Pocket 2 – eine Videokamera für die Hosentasche. Was wird aus diesem Ausflug in die Videografie? Keine Ahnung. Kann sein, dass es ein kurzzeitiges Engagement bleibt, vielleicht wird aber doch mehr daraus. Ich werde im neuen Jahr ernsthaft herauszufinden versuchen, wie sehr mich Bewegtbild nun interessiert oder eher doch nicht.

Kooperatives Arbeiten

Was außerdem Bestand hat und mittlerweile ins 14. Jahr geht: die gemeinsame Arbeit mit meiner Kollegin Silvia Steinbach. 2007 haben wir uns in einer ähnlichen beruflichen (Anfangs-)situation kennengelernt und angefangen, uns auszutauschen, Erfahrungen zu teilen, Fotografisches auszuprobieren, Akquisestrategien zu erarbeiten und vieles mehr. 2009 haben wir ein erstes großes Projekt gemeinsam fotografiert, und seit 2010 gibt es sogar eine gemeinsame Firma: „Ahrens+Steinbach Projekte“. Diese Zusammenarbeit ist in viellerlei Hinsicht großartig: es macht mehr Spaß, man kommt zusammen schneller vorwärts, man entwickelt sich zusammen, fotografisch, aber auch unternehmerisch. Ich bin total dankbar dafür, es ist super, wenn man diesen Rückhalt, diese Unterstützung und dieses Potenzial nutzen und leben kann. Es ist toll, dass dies über so lange Zeit vital und gut funktioniert hat, ich freue mich schon auf das 15er-Jubiläum!

Projekte und Entwicklungen

Eine Herausforderung in jedem Berufsbild ist die inhaltliche Weiterentwicklung. Wenn man in der professionellen Fotografie eine bestimmte Qualität erreicht hat, Produktionssicherheit gewonnen und Erfahrungen angesammelt hat – verfällt man immer irgendwann der Gefahr, sich zu wiederholen, bewährte Rezepte einfach nur noch abzuspulen und damit in eine Art Stillstand zu verfallen. Auf der einen Seite ist das ein gutes Gefühl: man weiß, dass man in jeder Situation eine sehr gute, eine gute oder mindestens eine anständige Lösung hinbekommen wird. Auf der anderen Seite fängt es aber auch irgendwann an, ein bißchen langweilig zu werden. Und Fotografie darf für mich niemals einfach nur ein Handwerk und eine „bewährte Umsetzung“ und Arbeit sein, es muss auch immer ein Stück Abenteuer, ein Stück Erforschung und das Erkunden unbekannten Terrains sein.

Im Alltag – bzw. bei regulären Auftragsproduktionen – ist es nicht immer leicht, diesen Anspruch aufrechtzuerhalten. Oder anders ausgedrückt: dort ist keine Zeit für Experimente eingeplant. Da produziert man an einem Tag vielleicht 7, 8 oder 9 ausgearbeitete Motive, und das ist schon ein recht anspruchsvolles Programm. Experimente mit ungewissem Ausgang sind da nicht unbedingt vorgesehen und nur selten möglich. Dabei sind die Entwicklungsmöglichkeiten in der Fotografie prinzipiell unbeschränkt – es gibt immer einen Weg, besser, wirkungsvoller, wertvoller, großartiger, interessanter, innovativer oder spannender zu fotografieren als man dazu jetzt gerade in der Lage ist. Doch wie da hinkommen?

Anfang des Jahrens haben wir daher auf eine schon mehrfach geübte Strategie zurückgegriffen und ein selbstinitiiertes Projekt ersonnen, das natürlich in unserem Feld der Technologiefotografie angesiedelt ist, bei dem wir aber die komplette Kontrolle über die Bildproduktion haben. Ziel dabei ist es, absolute Highend-Technologie in Wirtschaft und Forschung zu fotografieren und dabei möglichst starke Bilder zu schaffen, die über unsere bisherigen Möglichkeiten hinausgehen. Und wie es manchmal so ist: das Glück stand uns zur Seite, und wir haben schnell einen Medien- und sogar Finanzierungspartner für dieses Projekt gefunden. Das war insgesamt ein langwieriger Prozess, und von der Formulierung des ursprünglichen Konzeptes bis zum ersten Shooting ist fast ein Jahr vergangen. Aber jetzt stecken wir mitten drin, haben Location-Checks, sprechen mit aussichtsreichen Projektteilnehmern, haben dabei jede Menge interessante Business-Kontakte und werden ab Mitte Januar weiter daran fotografieren. Darauf freue ich mich sehr und bin sehr gespannt auf die Bilanz, die wir vielleicht in einem Jahr ziehen werden.

2022

Das Jahresende ist da, es fehlt gerade noch ein Tag, bis wir uns daran gewöhnen müssen, „2022“ ins Datum zu schreiben. Das Jahr ist gelaufen und alles, was wir in diesem Jahr gewünscht, verflucht und erlebt haben, ist jetzt vorbei. Wir haben gegeben, was wir zu geben hatten, und wir haben geerntet, was möglich war. „Zwischen den Jahren“ habe ich gut drei Wochen Ruhe, Rückzug und Nachdenken. In dieser Zeit ist in unserer Branche traditionell nichts los, und das gibt die willkommene Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, Prozesse abzuschließen, offene Loops zu beenden, neue Gedanken zu entwickeln, Ziele zu formulieren und neue Gewohnheiten zu etablieren. 2022 wird bestimmt kein Selbstläufer – aber es erscheint mir gerade voller Verheißungen und Möglichkeiten, von denen ich möglichst viele möglichst gut wahrnehmen und umsetzen möchte.

Ich wünsche Euch allen entspannte und stressfreie Tage und die Chance, das Vergangene Revue passieren zu lassen, die Gegenwart zu genießen und das Kommende neugierig und kraftvoll zu beginnen. Das (fotografische) Leben ist ein Abenteuer!

In diesem Sinne: Happy 2022!

Christian


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2 Kommentare
  1. Hartmut Burg
    Hartmut Burg sagte:

    Hallo Christian,
    vielen Dank, dass Du uns an Deinem Fotojahr teilnehmen lässt. Ich wünsche Dir ein frohes und gesundes neues Jahr und viele interessante Aufträge. Viele Grüße, Hartmut

    Antworten
  2. lichtbildwerkerin
    lichtbildwerkerin sagte:

    Lieber Christian,

    die für Reisen gedachte Kamera wird sicher irgendwann mit dir in ferne Länder fahren/fliegen und ansonsten nehme ich dich als einen Menschen wahr, der auch Krisen kreativ zu nutzen weiß. Ein interessanter Einblick in dein bzw. euer Fotografenjahr. Ich wünsche euch weiterhin viele kreative Ideen und Erfolg.

    Liebe Grüße

    Conny

    Antworten

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