Dass professionell ausgeübte Fotografie vielen immer noch als eine Art Traumberuf erscheint, hat gute Gründe. Auch ich sehe es so: ich bin kreativ, ich führe ein sehr abwechslungsreiches Leben, ich bin in weiten Teilen selbstbestimmt, habe in der Ausübung meines Jobs großartige Erlebnisse, begegne überaus interessanten und spannenden Menschen und habe das Privileg, aufregende und faszinierende Orte kennenzulernen. Mitunter darf ich reisen, lerne mein Land immer ein bißchen mehr kennen (manchmal ist auch eine Reise ins Ausland dabei) und darf meine Neugierde voll ausleben. Und wenn ich mich genügend um mein Business, um Akquise und Kundenbindung kümmere (und wenn nicht gerade Corona ist), dann stimmt auch Umsatz und Gewinn. Natürlich muss man das alles mögen: die Selbstverantwortlichkeit und das Unternehmertum als Freiberufler, den Strom von immer neuen Menschen, Begegnungen und Themen. Das permanent auftauchende Unvertraute, Überraschende und Neue. Und natürlich auch die Herausforderung im Fotografischen selbst: jeder Situation irgendwie gewachsen sein zu müssen, spontane Ideen mit Improvisationstalent realisieren zu können oder auch mal Defekte und kleine Katastrophen souverän überspielen zu können.

Also stimmt es tatsächlich? Ist mein Beruf (als Industrie- und Corporate-)Fotograf ein Traumberuf und alles ist super, duper und ultra-paletti?

Ja. Also eigentlich schon. Manchmal vielleicht doch nicht ganz. Um genau zu sein: es gibt auch die dunkleren Momente. Und das nicht nur, wenn in einem Monat aus unerfindlichen Gründen auf einmal die Aufträge ausbleiben und das Konto schrumpft statt wächst. Nicht nur, wenn man mal an einen schwierigen Kunden gerät, der nicht weiß, was er will oder einfach einen schlechten Geschmack hat. Und nicht nur, wenn man sich fragt, wann wohl die Wirtschaft wieder anspringt und die Pandemie-Zurückhaltung der Auftraggeber endlich ausgestanden ist.

Zweifel und Zaudern

Sondern auch ganz alltäglich, fast vor jedem Job: da gibt es diese Momente des Kleinmuts und der Nervosität. Man ist früh aufgestanden, hat sein Zeug ins Auto gewuchtet und ist im Anflug auf ein neues Ziel: ein neuer Kunde, eine neue Location, ein neues Unternehmen. Natürlich hatte ich im Vorfeld schon Kontakt, wir haben miteinander telefoniert oder gezoomt – vielleicht hat sogar ein Gespräch im real life stattgefunden und man hat womöglich auch das Unternehmen schon besichtigt.

Trotzdem: es ist 6 Uhr früh, ich bin noch nicht ganz wach und irgendwo existiert neben Vorfreude und Lust auf den Job auch dieser kleine nörgelnde Typ in mir. Der mir zuflüstert, wie entspannt es doch wäre, jetzt weiter im Bett zu liegen und anschließend ins vertraute Atelier umzuziehen. Der mich fragt: Wie werden wohl die Leute sein? Wird die Produktion gelingen? Ziehen die Menschen mit oder wird es ein zäher Tag?

Es ist dieser Teil in unserem (Unter-)Bewusstsein, der die Sicherheit des Bewährten schätzt. Der dich vor dem Verlassen deiner Komfortzone bewahren will und stattdessen das Lied der Vertrautheit und der Routine singt. Der dich daran hindern will, ins Unbekannte aufzubrechen und Abenteuer mit offenem Ausgang zu erleben.

Fotografie ist Abenteuer pur und verlangt, sich jederzeit auf Neues einzulassen.

Jederzeit alles neu

Denn der Beruf des Fotografen zeichnet sich sehr oft genau dadurch aus: neben bewährter Technik und routinierter Verfahren gibt es eine Unmenge an Unbekanntem zu bewältigen. Speziell bei Jobs on location ist man als Fotograf ja nicht nur jemand, der sein Handwerk beherrscht und souverän ausspielt, sondern man hat eine Vielzahl von Aufgaben, die alle praktisch gleichzeitig zu erledigen sind: Man kommuniziert mit dem Kunden und mit den Menschen vor der Kamera, man organisiert die Location, sucht die besten Perspektiven und entwickelt eine Strategie für die Lichtsetzung. Man bringt Leute dazu, Dinge zu tun, die ungewöhnlich sind. Man überzeugt den Werksleiter, Sachen zu organisieren und einen Kranhub zu ermöglichen, der gar nicht vorgesehen war. Bei Menschen, die Schwierigkeiten haben, vor der Kamera zu agieren, ist man mindestens noch Entertainer und Moderator, manchmal aber auch Seelsorger und Therapeut. Man organisiert, kommuniziert, plant, plant um, plant neu oder verwirft eine Idee zugunsten einer anderen Lösung. Ach ja, und man ist die ganze Zeit hochkonzentriert, es gibt – außer vielleicht in einer Mittagspause – kaum einen Moment, in dem man mal abschalten und runterfahren kann. Das alles macht auch richtig Laune, man ist total im Flow und hat eigentlich keine andere Wahl, als den ganzen Tag begeistert zu sein. Am Ende er Produktion ist man dann aber auch wirklich „durch“: man hat alles gegeben.

Vor dem Flow

Aber solange dieser Flow nicht stattfindet, sitzt Du in Deinem Auto, bist noch nicht ganz wach und der kleine Stänkerer in Dir nervt mit kleinlichen Bemerkungen und diffuser Unruhe. Wird es mir auch heute gelingen, all diese Aufgaben zu meistern? Werden die Leute mitziehen? Kann ich meine Energie auf die anderen übertragen? Sind die Vorbereitungen wie abgesprochen tatsächlich getroffen worden? Bin ich gut drauf? Werden die Bilder gut?

Gerade bei Jobs, die sehr früh anfangen, bin ich für eine etwas längere Anreise immer dankbar. Ich brauche einfach ein bißchen Zeit, um diese Phase zu durchleben, mich dem Nörgler in mir auszusetzen und ihn letztlich zum Schweigen zu bringen. Ein großer Thermosbecher Cappuccino hilft, eine vielleicht gerade aufgehende Sonne verbreitet zusätzlichen Optimismus und so langsam komme ich richtig im Tag an.

Im Flow: Kommunikation und Kreativität

Und dann biege ich in das Werkstor ein, stehe auf einem freien Besucherparkplatz und melde mich beim Empfang. Mit den ersten Worten, die man vor Ort mit einem Menschen wechselt, mit den Begegnungen, die dann folgen und mit der Notwendigkeit der Tat, sind dann alle Kleinlichkeiten sofort vergessen. Ich bin voll angekommen in meiner Aufgabe, ich werfe alles in die Waagschale, um die Menschen zu erreichen und meine Ziele zu realisieren und ich schwimme in einem Strom aus Tun, der glücklich macht. Fotografie-Tage sind Tage, an denen immerzu Lösungen gefunden werden – eigentlich eine Art Idealzustand.

Ein Traumberuf also doch, ohne Wenn und Aber? Auf jeden Fall! Naja, also, wie gesagt: fast immer. Bis auf die Momente eben, in denen ich dem kleinen Zauderer in mir mal wieder zeigen darf, dass es besser ist, vom Sofa aufzustehen statt darauf liegen zu bleiben.

 


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