Fotografen und Fotografinnen haben einen ungewöhnlichen Arbeitsalltag. Da gibt es einerseits die Tage, an denen produziert und fotografiert wird, an denen Auftragsproduktionen realisiert und Kunden glücklich gemacht werden. Und da gibt es andererseits die Tage, an denen man die Kamera nicht in der Hand hat. Ich nenne sie die „Ateliertage“. Tage, an denen man nicht von außen gefordert ist und mit sich selbst klarkommen muss.

Produktionstage und Ateliertage unterscheiden sich fundamental voneinander. Bei ersteren ist der Rahmen klar gesteckt: Man darf an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit beim Kunden sein und man darf und soll richtig gute Bilder machen. Man ist von der ersten Sekunde an vollkommen absorbiert: alles dreht sich um die zu lösenden Aufgaben, man ist die ganze Zeit hochkonzentriert und geht völlig im Flow des Tages auf. 

Bei den Ateliertagen – egal ob sie nun wirklich in einem Atelier, in einem Büro oder schlicht im Zuhause des Fotografen stattfinden – ist es genau anders herum: es gibt keinen äußeren Rahmen, keine feste Uhrzeit und keine Struktur, die vorgegeben ist. Als Kreativer brutzele ich im eigenen Saft und muss mit mir, mit der Welt und mit den vermeintlichen oder wirklichen Anforderungen meines Berufes klar kommen.

Verlorene Tage

Das ist manchmal gar nicht so leicht, und ich denke, nicht nur mir ging es häufig so, dass man an solchen Tagen auch mal verloren geht. Niemand schreibt einem vor, wann man „auf Arbeit“ zu erscheinen hat, niemand hat eine konkrete Erwartung an mich. Ich MUSS nichts tun, aber ich könnte natürlich ganz viel machen… Aber womit anfangen? Nee, echt? Muss das wirklich heute sein?

Ja, und dann gibt es da diese vielen kleinen fiesen Gedanken, die einen umkreisen: Man sollte ja mal ein bißchen was für sein Geschäft tun. Man könnte ja mal wieder ein paar Kunden anrufen. Oder sich womöglich sogar um neue kümmern. Oder wie wäre es, die Webseite etwas aufzumöbeln und aktuelle Portfolio-Strecken einzustellen? Natürlich droht auch immer irgendwann die nächste Umsatzsteuererklärung und auch dafür könnte man sich ja mal hinsetzen und Belege heraussuchen.

Ihr wisst schon: alles möglich kann, aber nichts muss unbedingt hier, heute und jetzt gemacht werden. Damit ist nicht immer gut klarzukommen, und so kommt es immer mal zu Aufschieberitis und am Ende eines solchen Tages ist man unzufrieden, trotzdem müde und hat doch nichts zustande gebracht.

Der Unterschied zwischen einem Produktionstag und einem Ateliertag liegt also darin, dass ersterer eine sehr dominante Tagesstruktur hat und letzterer sich dadurch auszeichnet, dass diese womöglich vollkommen fehlt. Damit wir selbständig Kreative (oder kreative Selbständige) darin nicht verloren gehen, müssen wir etwas tun, um diesen Kontrast abzufedern.

In fast 20 Jahren Selbständigkeit habe ich vieles ausprobiert und für mich einige tragfähige Konzepte gefunden. Einige davon möchte ich in diesem und einem Folge-Beitrag gerne vorstellen.

Tagesstruktur

Wenn man keine vorgegebene Struktur hat (aber diese gerne hätte), gibt es nur einen Ausweg: man muss sich selbst eine geben.

Bevor ich das näher erläutere, noch ein Hinweis: werdet euch im Klaren darüber, was für ein Arbeitstyp ihr seid. Willst Du schnell und konzentriert am Stück arbeiten und früh fertig sein? Oder arbeitest du lieber verteilt an vielen kleinen Aufgaben? Bist du Morgenmuffel oder Morgenmensch? Nachteule oder Frühschläfer? Wann bist du am krativsten und arbeitest besonders konzentriert? Je nachdem, wie die Antworten hier ausfallen, solltest du deine Tagesstruktur darauf hin entwickeln.

Tagesstruktur bedeutet für mich nicht, dass man sich selbst ein durchgetaktetes Pflichtprogramm verpasst, an das man sich sklavisch zu halten hat. Es bedeutet für mich, ein System etabliert zu haben, an das ich mich (weitgehend) halte, das mir in einem nicht überfordernden Maße Halt, Stütze, Freude und Befriedigung gibt und auf Dauer zu neuen und guten Gewohnheiten führt.

Konkret

Bei mir sieht es so aus: Ich fühle mich morgens und am Vormittag am frischesten (und auch am optimistischsten). Deshalb ist das auch meine Zeit. Meist wache ich zwischen halb sieben und sieben von selbst auf. Bis halb acht bin ich geduscht und angezogen und habe meinen ersten Cappuccino neben mir stehen. Um in den Tag zu kommen, gönne ich mir den Kaffee und ein halbes Stündchen Zeit, um Mails zu checken, Newsletter zu lesen, ein bißchen die sozialen Medien durchzuscannen und dabei ganz wach zu werden.

Und dann nehme ich mir ein Planungstool (in meinem Fall ein Kanban-Board von Trello.com) und schreibe mir auf, was ich an diesem Tag erledigen MUSS (z.B. Termine wahrnehmen, Telefonate führen, Mails beantworten, an Zoom-Sitzungen teilnehmen oder dergleichen). In einer zweiten Spalte notiere, was ich an diesem Tag machen WILL. Das sind die Dinge, die nicht unbedingt sein müssen, aber geeignet sind, außerhalb von Tagesaktualität eine hoffentlich glorreiche Zukunft vorzubereiten. Dabei ist bei mir immer etwas aus dem Bereich Marketing, um als Fotograf sichtbarer zu werden. Oder etwas Konzeptionelles, zum Beispiel das Ausarbeiten einer neuen Projektidee, das Formulieren eines Mailings oder die Verfeinerung eines Textes auf einer unserer Websites.

Und dann fange ich immer mit dem leichtesten und am schnellsten zu Erledigenden an. Und mache ein grünes Label daran. Und dann kommt das nächste. Wieder ein „Erledigt“. Und so weiter. Schnell ist ein gewisser Fortschritt zu erkennen – das ist ein gutes Gefühl und motiviert für mehr. Wichtig: nicht unrealistisch viel aufschreiben – nur soviel, wie man wirklich schaffen könnte. 

Mein Trick bei der Sache ist, dass ich diese Arbeitsphase bis 14 Uhr begrenze. In dieser Zeit folge ich meinem Plan so gut ich kann. Natürlich schaffe ich auch nicht immer alle Punkte auf der Liste, aber doch immer mindestens mehr als die Hälfte. Heute zum Beispiel hatte ich 12 Aufgaben definiert. Davon habe ich acht auch wirklich erledigt. Damit bin ich absolut zufrieden. Das ist eine gute Bilanz!

Diese 14-Uhr-Linie ist für mich wichtig. Wenn ich die erreicht und überschritten habe, habe ich sozusagen „Feierabend“. Meine „Kernarbeitszeit“ ist rum. Das Programm des Tages und damit in gewisser Weise meine „Pflicht“ mir selbst gegenüber ist erfüllt, ich kann einen Strich ziehen und mich anschließend nur noch den Dingen widmen, auf die ich wirklich Bock habe. Das kann alles Mögliche sein: Privates, Sportliches oder Hobbyistisches. Es kann aber auch sein, dass ich mich mit irgendeiner neuen Software beschäftige, an meiner Fototechnik herumbastele, ein Fotobuch zur Hand nehme, mich mit den neuesten Apple-Technologien beschäftige oder an einem freien Projekt weiterfotografiere. Es kann sogar sein, dass ich mir noch ein richtiges Stück „Arbeit“ aufhalse, wenn ich Lust dazu habe. Es ist noch früh am Tag – alles kann, nichts muss.

Das beste daran: ich habe kein schlechtes Gewissen und keine innere Anspannung mehr und kann den Tag insgesamt in vollen Zügen selbstbestimmt genießen.

Minimal-Dosis

Noch ein Tipp für Prokrastinierungs-Profis: Wenn das hier Beschriebene als zu herausfordernd und zu groß empfunden wird, dampft eure Tagesstruktur entsprechend ein und schreibt vielleicht nur eine einzige Tat auf, die heute über das unbedingt Notwendige hinaus erledigt werden soll. Eine Tat kann man immer schaffen, und es gibt ein gutes Gefühl, wenn man sie erledigt hat. Und wenn Du nach und nach ein bißchen in den Flow gekommen bist und dich daran gewöhnt hast, kannst du die Dosis erhöhen. Aber selbst eine einzige „Extra-Tat“ pro Tag ist schon viel – auf’s Jahr gerechnet kann sie einen gewaltigen Unterschied machen. 

Und Ihr so?

Wie geht Ihr mit den „Ateliertagen“ um? Was sind Eure Strategien? Schreibt mir Eure Ideen in die Kommentare, bestimmt gibt es noch viele andere mögliche Ansätze.

Post scriptum

In einem Folgebeitrag schlage ich noch ein paar weitere Ideen vor, wie man die „Ateliertage“ sinnvoll strukturiert und sich selbst besser motiviert. Der nächste Beitrag erscheint in drei Wochen. Das sind 3 x 5 Arbeitstage – eine Menge Zeit, um viele kleine Taten für uns, für‘s Business und für die Fotografie zu vollbringen! 


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3 Kommentare
  1. Frank R. Weihs
    Frank R. Weihs sagte:

    Eigentlich kann es so einfach sein, aber als Verzettelungs- und Prokrastinierungsprofi weiß ich, dass sich aufgeschobene Dinge enorm stapeln und böse aufs Gemüt drücken. Vielen Dank Christian für die Motivation, ich muss jetzt meinen Kommentar beenden, weil eine gute Tat für den heutigen Tag erledigt werden will.

    Antworten

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