Diese Story ist eine wichtige Zwischenbilanz. Sie schildert meine Erfahrungen mit der X-Pro2 nach sechs Tagen Fotoproduktion. Wir waren im Osten Deutschland – in der Lausitz. Dort waren wir für einen französischen Kunden unterwegs, der über eine sehr verteilte Konzernstruktur verfügt und dem zahlreiche Unternehmen aus den Bereichen Wasser- und Energieversorgung, Abfallwirtschaft, technische Industriedienstleistungen usw. gehören. Demzufolge vielfältig waren unsere Aufgaben und Locations: Wir haben in Versorgungsanlagen der Lebensmittelindustrie produziert, in Klär- und Wasserwerken, in Laboren, in unterirdischen Brunnenanlagen. Wir waren in einer Brauerei-Manufaktur, haben Servicefahrzeuge im Einsatz fotografiert, Außenanlagen bei gutem und schlechtem Wetter abgebildet, Hochdruckwasserspülungen mit 6000 Litern Wasserverbrauch inszeniert, Fernwärmeanlagen besucht und Imagebilder bei einem lokalen Eishockeyverein geschossen. Unsere Darsteller waren Sportler, Techniker, Ingenieure und Facharbeiter verschiedener Fachrichtungen. Wir waren in den heißen Räumen einer Fernwärmeanlage und in der eisigen Kälte eines Bierkellers. Und ich habe im Kofferraum auch noch einen Sack mit bestialisch stinkenden Klamotten liegen, die wir uns in einer Abfalltrennungsanlage eingefangen haben und die ich mich demnächst trauen muss, in die Waschmaschine zu werfen….

Making-of-0625_small

 

Ich hatte mir fest vorgenommen, meine X-Pro2 in dieser Woche durchgängig einzusetzen – unter allen Bedingungen und bei allen Arten von Themen und Motiven. Diesem Vorhaben bin ich auch weitestgehend treu geblieben – bis auf zwei Motiv-Ausnahmen. Davon erzähle ich gleich noch.

Vorab eine positive Bemerkung: die X-Pro2 hat das alles mitgemacht. Sie schwebte in der luftigen Höhe eines 6-Meter-Stativs, sie lag im Materialkorb einer schmutzstarrenden Förderkabine in der Abfalletrennungsanlage, sie war Hitze, Kälte und Regen ausgesetzt. Sie ist in engen Schächten angeeckt und hat ihre Fähigkeit in der Remote-Fernsteuerung beweisen müssen. Sie ist noch ganz, hat ein paar Kratzer abbekommen, funktioniert aber einwandfrei und hat jede Menge gute Bilder abgeliefert. Und sie hat auch einen Tag ganz schön gestunken, bis ich sie abends dann im Hotelzimmer mit laufwarmer Seifenlauge abgewischt habe. Ich bin sehr zufrieden, wie sie sich geschlagen hat. Es hat sich aber auch einiges an Verbesserungspotenzial ergeben und ich habe ein paar Wünsche an die Entwickler, die die Kamera noch besser machen könnten.

Hier nun mein Bericht.

 

Performance / Autofokus

Dieser Themenbereich war einer meiner Hauptgründe, warum ich vor der X-Pro2 und mit der XE-2 nie daran gedacht habe, Fujifilm in der professionellen Produktion einzusetzen: die AF-Leistung erschien mir bisher  einfach als zu schwach. Das hat sich mit der X-Pro2 (und vermutlich mit den Firmware-Updates bei den anderen Kameras) definitiv erledigt. Ich habe ja HIER bereits darüber geschrieben und kann es erneut bestätigen: die Kamera spielt mit, stellt immer sauber scharf und ist in manchen Low-Light-Situationen sogar meiner Spiegelreflex überlegen: irgendwie findet sie immer eine Kante und einen Kontrast, um sicher scharfzustellen.

In einem Fall habe ich aus Performance-Gründen aber nicht die X-Pro2 genommen: hier ging es um ein Motiv, bei dem eine Gruppe von Menschen schnellen Schrittes auf die Kamera zugehen sollten. In dem Fall habe ich der Fujifilm das Vertrauen entzogen und der Canon den Vorzug gegeben. Weil die Fujifilm es nicht kann? Nein, sondern, weil ich einfach nicht wusste, ob sie es kann. Mit dem Verfolger AF habe ich bisher fast keine Erfahrungen gesammelt. Daher war ich mir unsicher, ob ich in der konkreten Aufnahmesituation die Kamera schnell genug richtig einstellen kann – und auch, ob sie es packt, natürlich. Ich glaube eigentlich, dass sie das Motiv geschafft hätte, aber ich habe die Erfahrung bisher nicht. Ich muss dass trainieren und erproben und mir eine Meinung bilden. Hierzu liefere ich in absehbarer Zeit ein Update mit echten Erfahrungswerten nach.

Und weil es hier gut dazu passt: die andere Ausnahme, bei der ich lieber die Spiegelreflex genommen habe, war ein Motiv im strahlenden Sonnenschein outdoor. Hier liefert der Sucher der DSLR einfach das informativere Bild – und der elektronische Sucher der X-Pro2 ist mir schlicht zu dunkel. Man erkennt kaum etwas, wenn es draußen richtig hell ist. Natürlich könnte ich auf den optischen Sucher umschalten – das ist aber mit einem großen Zoom-Objektiv an der Kamera ein im wahrsten Sinne des Wortes nur „halbes“ Vergnügen. Fazit: es würde gehen, aber es ist nicht optimal.

UPDATE:

(27.4.2016) So schnell fällt man ein vorschnelles Urteil. Den elektronischen Sucher habe ich bisher in der Standard-Einstellung betrieben. Man kann ihn manuell deutlich heller einstellen. Und man kann ihn auf „auto“ setzen. In beiden Fällen wird die Ansicht im Sucher bei Tageslichtsituationen so hell, dass man auch bei strahlendem Sonnenschein mühelos arbeiten kann. Also: Kommando zurück, ich habe mich geirrt. Hier gibt es praktisch keine Einschränkungen!

Energieverbrauch der X-Pro2

Wie allgemein bekannt, halten die Akkus der Kamera nicht allzu lange. Ich hatte vor Beginn der Produktion damit gerechnet, pro Tag bis zu vier Akkus zu verbrauchen und entsprechend vorgesorgt. Aber das erwies sich zumindest bei unserer Arbeitsweise als übertriebene Befürchtung. Durchschnittlich bin ich mit zwei Akkus pro Produktionstag ausgekommen. Die Kamera hatte ich auf „Option 4“ eingestellt (elektronischer Sucher schaltet sich erst ein, wenn sich das Auge dem Sucher nähert, Display auf der Kamerarückseite bleibt schwarz). Damit bin ich fast immer hingekommen, wobei ich natürlich manchmal doch das Display der Kamera als visuelle Instanz für den Bildausschnitt genutzt habe. Was ein echter Fortschritt für mich ist: der „Life View“ – Modus der Fujifilm ist um Welten besser zu nutzen als der meiner Spiegelreflex, bei dem nur eine sehr eingeschränkte AF-Performance zur Verfügung steht und die Blitze nicht zünden. Bei der Fujifilm ist die AF-Leistung in jedem Modus immer voll da. Das ermöglicht Bilder, die sonst nicht möglich wären.

Remote Kamerasteuerung der Fujifilm X-Pro2
Remote Kamerasteuerung der Fujifilm X-Pro2

 

Remote Fernsteuerung

Die einfache Inbetriebnahme der Fernsteuerung via WIFI habe ich ja schon mal positiv hervorgehoben. Wenn etwas so einfach zur Verfügung steht, nutzt man es auch: in der Woche in der Lausitz habe ich die Kamera mehrfach über ein Stativ in die Höhe gebracht und via iPad scharfgestellt und ausgelöst oder an unzugänglichen Orten positioniert und von dort aus fotografiert. Das ist eine großartige Möglichkeit, die ich auch in Zukunft ganz sicher häufiger nutzen werde. Dennoch bleiben ein paar Wünsche:

  • Die Übertragung des Kamera-Life-Bildes gerät immer wieder ins Stocken, so dass man dann 10 bis 30 Sekunden lang warten muss, ehe man wieder ein aktuelles Bild hat. Das gleiche gilt für die Auslösung, die sich teilweise um Sekunden verzögert, je nachdem, ob die Kamera gerade „online“ ist oder nicht. Hier würde ich mir eine deutlich flüssigere Übertragung wünschen.
  • Life vor Ort habe ich keine Möglichkeit gefunden, bestimmte Parameter über die App einzustellen. Wenn die Kamera zum Beispiel mit Zeitautomatik eingerichtet war, konnte ich sie via App nicht auf manuelle Nutzung umstellen. Die Kritik kommt allerdings mit Vorbehalt: kann sein, dass ich die entsprechende Funktion unter dem Druck der Produktionssituation einfach nicht gefunden habe. Ich werde mir das nochmal genauer anschauen. Meine Lösung: Kamera umstellen, App beenden und neu verbinden. Dann war sie auch in dem Modus, in dem ich sie haben wollte.

Mein Fazit hier: Vielversprechend, absolut produktiv nutzbar – aber man könnte noch ein Schippchen drauflegen. Und natürlich könnte man die Wifi-Funktionalität auch dahingehend ausbauen, dass die Kamera die produzierten JPG-Dateien kontinuierlich an ein iPad oder Laptop ausliefert, und zwar in ansprechender Geschwindigkeit. Dass das geht, haben die Mitbewerber ja schon unter Beweis gestellt. Bitte, liebes Fujifilm-Entwicklerteam, liefert hier etwas nach – Profis und alle ambitionierte Fotografen rund um den Erdball werden es Euch danken.

 

Bedienungskonzept

Dass ich das Bedienungskonzept aller Fujifilms seit der X-100 sehr liebe, habe ich ja schon mehrfach dargestellt. Ich mag es, wieder an einem richtigen Blendenring zu drehen, ich finde die Hardware-Implementierungen für Belichtungskorrektur, Belichtungszeit usw. super. Aber ich habe auch etwas zu meckern:

Das „hakelige“ ISO-Belichtungszeit-Rad ist nicht das Gelbe vom Ei. Während ich bei den anderen in Hardware ausgeführten Funktionen immer sagen würde: das ist ein erprobtes und klassisches Konzept, ist das ISO-Rad für mich nur Nostalgie. Es ist _nicht_ funktional, es ist nicht schnell, es ist nicht vorteilhaft. Es bringt einen sogar manchmal in Schwierigkeiten: Nur allzuleicht verstellt man mit der ISO auch die Belichtungszeit. Das Rad ist bei schlechtem Licht praktisch nicht ablesbar. Also muss man durch den elektronischen Sucher schauen – oder das Display hinten wieder einschalten. Alles Vorgänge, die unnötig kompliziert sind, Zeit kosten und weder intuitiv noch produktionssicher sind. Hier wünsche ich mir eine Menübasierte ISO-Einstellung über eine der Fn-Tasten und zudem die Möglichkeit, das ISO-Rad komplett zu deaktiveren.

Etwas ähnliches habe ich zum Zeiten-Rad anzumerken: Hier gibt es ja die Möglichkeit, via vorderem Drehrädchen einen Zwischenwert zum Beispiel zwischen 1/125 und 1/250 einzustellen, z.B. 1/160. Das ist gut, dass es das gibt, aber es passiert auch, dass man den Wert versehentlich verstellt. OK: kann sein, dass meine Hände das noch nicht gelernt haben. Aber auch hier könnte man an den Konzepten feilen. Für Leute, die sehr viel im rein manuellen Modus arbeiten, wäre das eine hilfreiche Option.

Der Joystick der X-Pro2 ist dagegen einfach phantastisch: Genau richtig schnell ausgelegt, steuert man mühelos die gewünschten Fokuspunkte an – ein Meilenstein in der Bedienung. Mit meiner X-E2 kann ich nach dieser Erfahrung kaum noch flüssig fotografieren. Der Joystick der X-Pro2 ist einfach super und viel besser ausgeführt als bei meiner Spiegelreflex! Sehr praxisgerecht.

 

Ein paar Hardware-Meckereien

In anderen Beiträgen habe ich es ja kurz erwähnt: der Abdecknippel für den Blitz X-Kontakt ist sofort abhanden gekommen, die Dioptrienkorrektur habe ich mit Tape fixiert und das Okulargummi hat sich wie bei vielen anderen Nutzern gelöst. Ich habe es mit Glück wiedergefunden und mit UHU fixiert. Seitdem lege ich die Kamera immer mit besonderer Sorgfalt – richtig herum – in das Fach in meinem Kamerakoffer. Bisher hat das genützt…. Hier gibt es Verbesserungspotenziale für den mitunter ruppigen Profi-Alltag.

 

Fazit

  • Die Kamera hat ihren Job ohne Wenn und Aber gemacht und ist unversehrt aus der Schlacht zurückgekehrt
  • Es gibt etwas Verbesserungspotenzial bei der Hardware und beim Bedienungskonzept
  • In den Wifi-Möglichkeiten stecken noch viele gute Möglichkeiten, die bisher nicht genutzt werden
  • Die Kamera ist „erwachsen“: leistungsfähig und belastbar
  • Das Konzept ermöglicht Aufnahmen und Umsetzungen, die mit einer DSLR nicht möglich wären
  • Es macht Freude, mit ihr zu arbeiten!
  • Wenn Fujifilm seinem Weg treu bleibt, wird die Firma im Profi-Markt der Zukunft eine nicht zu übersehende  Rolle spielen.

Darüber hinaus ist für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse, wie lange es dauert, sich wirklich auf eine neue Kamera, eine neue Philosophie, auf andere Bedienungskonzepte usw. einzulassen, die Stärken und Schwächen zu erkennen und im Sinne einer besseren Fotografie für sich nutzbar zu machen. Ich muss bekennen: ich bin hier noch lange nicht am Ende meines Weges angekommen, sondern muss weiter üben, Wissen erwerben und Potenziale erforschen. Ich nutze die Kamera jetzt seit einigen Wochen und bin viel vertrauter, sicherer, schneller und erfolgreicher mit ihr geworden. Bis zur Meisterschaft ist es aber noch ein Stück Weg – von meiner Seite aus und auch von Seiten des Herstellers. Ich freue mich auf die nächsten Steps und werde berichten.