Nachfolgenden Text habe ich vor kurzem mit den Mitgliedern meines Berufsverbandes geteilt. Er entstand anlässlich einer Diskussion über Dumpingpreise in der Fotografie. Dem mir dabei entgegenschlagende Pessimismus möchte ich etwas entgegenhalten. Ich freue mich auf eine spannende Diskussion.

Hallo Kollegen,

erst einmal vielen Dank an Euch!

– Statt sich tage- und seitenlang über Dumping-Angebote und unterirdische Ausschreibungen zu amüsieren, wäre es doch mal toll, wenn wir uns mit dem selben Elan über die erfolgreichsten Marketingstrategien, den besten Job unseres Lebens (und wie man das reproduzieren könnte) oder über besonders aussichtsreiche Geschäftsmodelle unterhalten würden.

Auf meinen Vorschlag hin haben mich viele Mails und ermutigende Worte erreicht. Also, lasst uns das doch wirklich mal machen – einen Erfahrungsaustausch, der sich aus aussichtsreichen, hoffnungsvollen, konstruktiven und erfolgsorientierten Beiträgen speist.
Und gerne stehe ich zu meinem Versprechen, als nächstes einen ganz konkreten Themenbeitrag in diesem Sinne zu schreiben.
Ehe ich das jedoch tue, würde ich gerne noch ein paar Worte zu meiner Motivation sagen und was mich bewogen hat, meinen ursprünglichen Beitrag hier zu posten:
In der Diskussion unter Kollegen passiert es meiner Ansicht ein bißchen zu oft, dass besorgte Beiträge sozusagen die dunkle Seite unserer Profession betonen: seien es Dumpinghonorare, unanständige Vertragsbedingungen oder die Beschwörung desjenigen Mitbewerbers, der den Job „noch billiger“ macht und damit die ganze Branche in Gefahr bringt.
Ich verstehe diese Besorgnis sehr gut. Die unterschwellig resignative und fatalistische Haltung dabei beunruhigt mich jedoch nicht minder. Hier läuft etwas in die falsche Richtung.
Wenn wir immerzu auf das untere Ende der Fotografen-Realitäten starren, vergessen wir, dass es die andere Richtung auch gibt: die guten Jobs, die wertschätzenden Kunden, die gutbezahlten Projekte und die Fotografen, die weiterhin gut von ihrer Arbeit selbstbestimmt leben können.
Sätze wie „es gibt immer einen, der es billiger macht“ oder „Fotografie hat keinen Wert mehr“ oder „Die Honorare sinken ins Bodenlose“ entstehen sicherlich nicht ohne Grund. Natürlich hat sich der Fotografie-Markt stark verändert (wie schon so oft in den letzten 175 Jahren). Aber es sind Sätze, denen man vielleicht allzu bereitwillig zuzustimmen geneigt ist. Und wenn man das tut, adressiert man die vermeintlich unabänderlichen UMSTÄNDE. Ja, es liegt an den Umständen, wenn das Geschäft schlechter läuft. Es liegt nicht an mir, es sind die Tatsachen!
Damit gibt man das Heft des Handelns aus der Hand und macht sich zum Opfer.

Warum sind wir eigentlich mal Fotografen geworden? Sicherlich nicht, weil wir uns als Verlierer der Mediengeschichte fühlen wollten. Sondern vielleicht eher, weil wir uns als einen Magier mit der Kamera sahen, vielleicht als einen abenteuerlichen Geist, der die Welt erkunden will. Vielleicht als Hans Dampf-in-allen-Lokalgassen, vielleicht als jemand, der die Welt ein Stück retten will, vielleicht als Künstler, der mit den schönsten Models an den schönsten Plätzen der Welt arbeiten wollte. Oder was auch immer. Es  gibt sicherlich noch mehr Erinnerungen daran …

In all diesen Visionen schwingt eines mit: Wert und Wertschätzung. Und bis heute ist es tatsächlich so, dass gute Fotografen etwas können, was sonst niemand kann: eine Vision, ein Gefühl, eine Spannung oder einen magischen Moment in ein Bild zu transferieren, das andere Menschen beeindrucken, begeistern, mitfühlen lassen oder einfach auch nur gut informieren kann.

Gibt es dafür wirklich keinen Bedarf mehr? Ich glaube das nicht. Der Bedarf an hochwertiger Bildkunst existiert ungebrochen und die Freude des Publikums an beeindruckenden Aufnahmen desgleichen.

Trotzdem gibt es natürlich Verwerfungen in diversen Märkten: Im Lokaljournalismus, in der Magazinfotografie, in der Reisefotografie, in der Agenturfotografie und so weiter. Das stimmt und hat viele Ursachen. Manche dieser Märkte sind tot oder fast tot. Andere haben sich verändert. Und auch viel Neues hat sich aufgetan.

Wenn es also nicht (mehr) so gut läuft, wie wir uns das wünschen, ist es Zeit für genaues Hinschauen, für neue Aktivitäten, für das Infragestellen alter Strukturen, für Veränderungen oder Neuanfänge. Und für neugierige Blicke, wie sich die Welt verändert hat und wo heute die attraktiven Felder zu bestellen sind.

Ein paar Fragen:

  • Was macht für mich das Fotografen-Sein aus? („Remember why you started“)
  • Was ist meine Vision von einem erfolgreichen Fotografenleben?
  • Wie ist der Status quo?
  • Was hat sich verändert?
  • Gibt es für mich attraktive alternative Arbeitsfelder?
  • Was passiert morgen und übermorgen?
  • Von welchen Kollegen kann ich lernen?
  • Bin ich wirklich so gut, wie ich mich gerne sehe?
  • Nimmt die Welt mich wahr?
  • Wofür stehe ich?
  • Was ist meine stärkste Botschaft?
  • Wen kann ich am besten unterstützen?
  • Wie klar ist meine Marke?
  • Wie gut ist meine Kommunikation?
  • Habe ich ein Alleinstellungsmerkmal?
  • Ist meine Qualität überdurchschnittlich oder außergewöhnlich?
  • Falls nein, wie komme ich da hin?
  • Welche Skills habe ich und welche fehlen mir?
  • Was sind die Märkte der Zukunft?
  • Wofür schlägt mein Herz und wie finde ich einen marktgerechten Ausdruck dafür?

To be continued.

Ich glaube, wenn wir uns viel mehr solchen Fragen und den daraus resultierenden Taten widmen, wird sich etwas verändern: In uns selbst, in unserer Arbeit, in unserem Selbst- und Fremdwertgefühl und in unserem Erfolg. Auch im Markt! Wenn wir nicht mehr auf die vermeintlich unveränderlichen Umstände schauen, sondern uns neu orientieren, dazu lernen, uns selbst stärken und auch verändern – dann kehren wir verstärkt zurück ins Handeln.

Dann übernehmen wir Verantwortung und verschanzen uns nicht mehr hinter Ausreden.

In jedem von uns steckt bis kurz vor seinen letzten Atemzug jede Menge Potenzial.

Und ausnahmslos niemand von uns hat sein Potenzial ausgeschöpft.

Niemand von uns ist heute so gut und so erfolgreich, wie er sein könnte.

 

Wir können aber jederzeit damit anfangen, es zu werden.

Also: Feuer frei für den „Blick nach vorn“!

 

Viele Grüße

Christian

 

 

P.S.: Ich mag dieses etwas großmäulige aber kraftvolle Zitat:

Man schaut in den Spiegel und prüft ein paar Dinge: In welcher Familie stecke ich drin, inwieweit bin ich von diesen Geschichten abhängig, bin ich abhängig von dem, was der Vater war, wurde ich geliebt oder nicht geliebt? Man registriert ein paar Verletzungen und auch das Glück, auch die guten Sachen. Und dann beschließt man, unabhängig zu sein, damit fängt es an.
Man schließt einen Pakt mit sich selbst: Man will nicht mehr hässlich sein, man will nicht mehr dick sein, man will nicht mehr dumm sein, man will nicht mehr der Junge sein, der wenig Geld hatte. Man erfindet Vorteile selbst. So entschloss ich mich, ein schöner Mann zu sein und ein Genie. Ich trainierte meinen Körper und meinen Geist. Ich musste mir alles selbst erobern, die Entscheidungen eines freien Geistes.“
 
– Markus Lüpertz (Die Zeit, 26/2006)
 
🙂

 

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