Mit ihr hat alles angefangen: als die erste Fujifilm X100 im Jahr 2011 das Licht der Welt erblickte, begann für mich eine stürmische Affäre, die sich über die Jahre in eine belastbare Beziehung verwandelte und vor über einem Jahr außerdem in eine professionelle Partnerschaft gemündet ist: die Fujfilm X100 war der Startschuss für eine neue Kameraklasse und auch für einen neuen interessanten Player in der internationalen Fotoszene. Seit 2011 fotografiere ich mit X-Kameras. Zuerst nur „frei“ und aus Spaß, seit Anfang 2016 ausschließlich auch in meinem Beruf als Industriefotograf. Jetzt hat Fujifilm mit der X100F die vierte Inkarnation dieser wunderbaren Kamera auf den Markt gebracht. Seit etwa einer Woche ist sie nun bei mir – und erneut „immer dabei“ – in meiner Jackentasche, in der Aktentasche oder auch mal in der Mittelkonsole meines Fahrzeugs.

Ich bin auch vor allem deshalb sehr glücklich über diese Kamera, weil ich eine ganze Weile auf eine „100“ verzichten musste. Vor einiger Zeit habe ich die Ur-X100 verkauft, weil ich der Meinung war, dass die X-E2 mit 27mm den Job der Immer-dabei-Kamera genauso gut machen könnte. Was ja irgendwie auch rictig ist und zudem den Vorteil von Wechselobjektiven bietet, aber unterm Strich doch etwas ganz anderes ist. Ich bin also zur X100 gewissermaßen „heimgekehrt“ – das vertraute Gefühl war sofort wieder da und diese spezielle Emotion, wenn man etwas besonders Gelungenes in den Händen hält.

Nochmal kurz zurück zur Ur-X100: meine damalige Liebeserklärung habe ich u.a. auch auf diesem Blog veröffentlicht. Der Text kann bei Interesse gerne hier nachgelesen werden.

Back to the roots

Nach ein paar Jahren der Abstinenz war es also wieder soweit: der Bote klingelte und brachte das heißersehnte Paket. Natürlich habe ich erstmal alles stehen- und liegen gelassen und mich dem Inhalt gewidmet. Schnell lag die schwarze Schöne in meinen Händen, dann einen frisch geladenen Akku und eine Speicherkarte rein und ausprobieren…. Bedienung und Handling gaben keinerlei Rätsel auf, die Kamera setzt die Linie der ersten X-100 nahtlos fort und integriert gleichzeitig die besten Eigenschaften ihrer großen und aktuellen Schwestern. Ein kurzer Jacken- und Westentaschentest ergab volle Kompatibilität zu meinen geplanten Streifzügen. Die Kamera liegt super in der Hand und vermittelt über Gewicht und Materialität gleichzeitig ein sehr wertiges und solides Gefühl. Ich bin mir ziemlich sicher: Der gute alte Henri Cartier-Bresson hätte diese Kamera heute beim Flanieren dabei, wenn er noch leben würde.

Auf der Höhe der Zeit

Bei allem Bedauern über die X100-lose Zeit: Der Zeitpunkt zum Anknüpfen an diese Kameralinie war genau richtig. Die neue Inkarnation der X100 als „F“-Modell bietet nun den gleichen Chip, den gleichen „Schärfepunkt-Joystick“ und prinzipiell das gleiche technische Niveau wie auch die X-Pro2 und die X-T2. Damit spielen diese Kameras – so unterschiedlich sie in ihrer Philosophie, in ihrer Ästhetik und in ihrer Nutzbarkeit sein mögen – alle auf Augenhöhe. Sie bieten sehr ähnliche Bedienkonzepte und ermöglichen damit auch praktisch gewöhnungsfreies Fotografieren vom ersten Moment an. Das ist auch einer der Gründe gewesen, warum ich meine X-E2 in den letzten Monaten immer seltener genutzt habe: mir fehlte der Joystick und mir fehlte der AF-Speed, den ich von meinen anderen Fujifilms her gewöhnt war. Ob die X-100F wirklich die gleiche Performance wie eine X-T2 an den Tag legt, weiß ich Kommastellen-genau nicht. Gefühlt liegen da aber keine Welten dazwischen, die Kameras spielen in einer Liga. Ein gute Sache: egal, ob in einer aufwändigen Industrieproduktion oder beim entspannten Spazieren durch Wien: es ist immer Hightech dabei und das, was heute möglich ist.

Das hat übrigens noch einen Vorzug: natürlich unterstützt mein Capture One die neuen RAW-Dateien noch nicht. Aber da sie aus dem gleichen Sensor kommen, muss man mit einem Exif-Editor lediglich die Kameraquelle umbenennen und schon akzeptiert der RAW-Konverter die Daten problemlos.

Wer eine neue Kamera dabei hat, kriegt den Fensterplatz….

Auf Reisen

Apropos Wien. Die X100F kam genau einen Tag vor einem schon länger geplanten Trip nach Wien. Keine Urlaubsreise, sondern ein Arbeitsmeeting mit etwas vor- und nachgeschalteter freier Zeit. Logisch, dass die X100F dabei war. Logisch auch, dass ich sonst nichts anderes kameraähnliches mitgenommen habe (das iPhone jetzt mal ausgenommen). Die Kleine sollte zeigen, was in ihr steckt! Jeder Weg ist eine Reise, auch der Gang zum Kiosk oder die kleine Erledigung in der Nachbarschaft. Die X-100F ist die perfekte Kamera dafür: immer dabei, schnell, rauscharm, klein und mit dieser speziellen Aura der Unauffälligkeit und Altertümlichkeit behaftet. Wer mit so einer Kamera fotografiert, kann nicht gefährlich sein! Und kann sich damit fast alles erlauben: in der Straße, unter Menschen, in Konzerthallen, im Theater oder in geselliger Runde.

Kleine Anekdote: nie werde ich den bezaubernden Moment vergessen, als ich beim Professional Service meines ehemaligen DSLR-Herstellers war und erst meine X-E2 aus der Tasche packte, ehe ich die große Spiegelreflex über den Tresen schob. Zur Fujifilm sagte der betreuende Mitarbeiter: „Na, da haben Sie aber ein Altertümchen dabei!“ Und ich grinste, dachte mir meinen Teil und wusste noch nicht, dass die Nachfolger dieses Altertümchens auch mal die Nachfolger meine bisherigen Profikameras werden würden…. 🙂

Okay, back to Vienna. Es war eine Freude, damit unsere Reise zu dokumentieren. Ich habe nichts vermisst, aber alles machen können.Entspannt, beiläufig, unsichtbar. Alles drin, alles dran.

Kollegin Silvia Steinbach im traditionellen Wiener Caféhaus „Bräunerhof“

Festbrennweite

Natürlich, da gibt es diese Begrenzung auf die 23mm / 35mm KB-äquivalent. Die klassische Reportagebrennweite. Nicht richtig Weitwinkel, nicht richtig Normal, schon gar nicht Tele. Sondern halt nur die „Nah-ran-Action-Linse“. Nicht Fisch, nicht Fleisch! Oder wie?

Auch hier eine kleine Anekdote: Als ich im Herbst 2011 – ziemlich überarbeitet und fast fluchtartig – in einen kleinen Urlaub an die Ostsee gefahren bin, hatte ich die X100 dabei. Ich habe in der Woche sehr ruhig und sehr meditativ gelebt und fotografiert. Die Ergebnisse habe ich unserem Freund und Mentor, dem Fotografen und Filmemacher Gert Wagner irgendwann gezeigt. Und er sagte den schönen Satz: „Komisch, die Brennweite liegt mir eigentlich gar nicht, aber sie scheint auf Deiner Reise immer richtig gewesen zu sein!“.

In dem Satz stecken gleich mehrere Wahrheiten: Erstens haben die 23mm ja wirklich alle Bilder gemacht, und der Fotograf hat sich häufig sein Motiv und seinen Standpunkt entsprechend gewählt. Und, was man dem fertigen Bildergebnis ja nicht ansieht: die Kunst des Ausschnitts habe ich natürlich auch fleißig praktiziert. Und damals bei 12 und heute bei 24 Megapixel geht da eine ganze Menge! Mit 12 Megapixel kann man jedes Buch drucken, Plakate gestalten und einmal haben wir wegen einer verstellten Kamera auch mal ein 18/1 Großflächen-Plakat mit sogar noch weniger MP realisiert! Ging auch! Hier ist also eine Menge Luft in der Kiste.

Unser Freund und Coach Jürgen Sturany: Portrait mit Digitalzoom und Acros

Alleinstellungsmerkmal Digital-Zoom

Und die X100F bietet als einzige meiner X-Kameras jetzt einen Digitalzoom. D.h.: man kann die Kamera von der 35-Millimeter-Optik auf 50 oder 70 Millimeter umschalten – also auf eine Normal-, respektive Portraitbrennweite. Das geschieht natürlich ganz simpel per Ausschnittsnahme, ist also etwas, was man jederzeit aus der Originaldatei auch selbst herausschneiden könnte.

Zuerst dachte ich auch. „Naja, wer’s braucht“. Das Feature fand ich nicht besonders aufregend und eher überflüssig. Aber auf unserer Reise nach Wien habe ich es natürlich trotzdem ausprobiert. Und habe meine Meinung schnell geändert. Denn mit einer abweichenden Brennweiten-Einstellung ändert sich das „Fotografiergefühl“ deutlich. Stellt man die Kamera beispielsweise auf „70mm“ um, wirkt das Bild im elektronischen Sucher sehr authentisch wie durch eine Portraitbrennweite dargestellt. Man hat ausgeprägte Unschärfen bei Offenblende, es wirkt einfach „echt“ und man fühlt sich in diese Art von Bild leicht ein und kann das Bild gut gestalten. Löst man nun aus, nimmt die Kamera den entsprechenden Ausschnitt und interpoliert die Datei auf die eingestellte JPG-Ausgabegröße. Natürlich ist da ein technischer Verlust dabei, der jedoch in normalen Ausgabegrößen kaum sichtbar werden wird.

Fotografen haben immer irgendwelches Equipment dabei….

Verbesserungspotenzial

Meine Einstellung hat sich schnell gewandelt. Das vermeintliche Consumer-Feature empfinde ich inzwischen als richtig nützlich und aufwertend. Wenn man die höhere Brennweite wählt, liefert die Kamera allerdings nur JPG-Dateien. Für mich hat es sich als sinnvoll erwiesen, dann die mittlere Ausgabegröße zu wählen. Auf 12 MP ausgegeben erscheinen die JPGs sehr scharf, die 24-MP-Interpolationen müssen m.E. nicht sein, zumal man sie so gut wie nie wirklich braucht. Und wenn doch, dann kann ich das Hochinterpolieren ja manuell nachreichen.

Was ich gut fände: wenn zusätzlich zur JPG-Ausgabe trotzdem noch ein RAW geschrieben würde. Das gäbe bei besonderen Bildern Reserven in der Nachbearbeitung (auch was den Bildstil angeht) und würde zudem das Handling einfacher machen. Ich fände es sogar richtig toll, wenn die „Brennweitenumschaltung“ als Schalter ausgeführt wäre, z.b. an der linken Seite ober- oder unterhalb des AF-Schalters. Dann wäre man wesentlich schneller am Start, als wenn man erst von RAW+JPG auf JPG umschalten muss und dann noch die Brennweite wählen darf.

Bitte, liebe Fujifilm-Ingenieure: ermöglicht diese sinnvolle Vereinfachung. Ich bin mir sicher, dass die Anzahl gelungener Fotos mit der X-100F damit signifikant ansteigen würde!

Wien pur mit Stephansdom

Nachtrag zum „Digitalzoom“: Das Forumsmitglied „coma“ in dem sehr hilfsbereiten Fuji-X-Forum hat einen guten Workflow entwickelt, um die Anwendung des Digitalzooms geschmeidiger zu machen: Das habe ich für mich adaptiert und die RAW-/JPG-Umschaltung auf die vordere Fn-Taste gelegt. Und den „Digitalen Tele-Konverter“ (wie er ja korrekt heißt) habe ich im Werkzeug-Menü via -> Tasten/Rad-Einstellung auf die -> Steuerring-Einstellung gelegt. Das ermöglicht das schnelle Umschalten vom leichten Weitwinkel zum Normal- oder Teleobjektiv: Zuerst ein schneller Klick auf die Fn-Taste, dann ein- oder zweimal beherzt am Objektiv-Steuerring drehen – und schon ist man bei 50 oder 70mm im JPG-Modus. Geht schnell und man muss noch nichtmal die Kamera vom Auge nehmen. Sehr gute Idee! (Aber die RAW-Option hätte ich trotzdem gerne noch!).

Fazit und Ausblick

Ich habe die Kamera jetzt gerade mal 8 Tage in den Händen, noch habe ich längst nicht alles eingestellt und erforscht. Aber die Fujifilm X-100F zeigt sich schon heute als würdiger Nachfolger meiner geliebten X-100 von 2011 und wird mich in allen Lebenslagen begleiten: auf allen kleinen und großen Gängen, auf Jobs, im Urlaub, beim Segeln, beim Durchstreifen von faszinierenden Industrielandschaften und Brachgebieten genauso wie in der Natur oder bei nächtelangen Diskussionen mit lieben Freunden und anregenden Gesprächspartnern. Man kann nur Bilder machen, wenn man eine Kamera dabei hat. Die X100F bietet beste Voraussetzungen dafür, dass diese wichtige Bedingung erfüllt ist.

Christian


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